Die folgenden Einwände bzw. Fragen werden häufig hervorgebracht, wenn es um den Umgamg mit rechtsradikalen Kadervertreter*innen in zivilgesellschaftlichen Organisationen geht. Die folgenden Antworten sollen helfen, sich auf solche Diskussionen vorzubereiten.

Aber…

... AfD-Kader haben kaum Lösungsansätze für realpolitische Probleme bei Themen wie Bildung, Digitalisierung, sozialer Ungleichheit und Klimawandel. Könnten wir gezielt inhaltliche Unzulänglichkeiten der AfD-Vertreter_innen aufzeigen, wenn wir sie einladen?

Die Wahlanalysen nach den Landtagswahlen in Brandenburg 2019 zeigen, dass sich die Wähler_innen der AfD keine großen realpolitischen Verbesserungen durch die AfD erhoffen. Sofern inhaltliche Aspekte ausschlaggebend für die Wahlentscheidung waren, betrifft dies die Themen Migration und Flucht oder der verklärende Umgang mit der Situation der neuen Bundesländer seit der Wende. Die menschenfeindlichen Vorstellungen zum Umgang mit Personen nicht deutscher Herkunft adressieren ein ohnehin vorhandenes alltagsrassistisches Potential, das bisher nur deswegen nicht als Grundlage für eine Wahlentscheidung diente, weil es in Wahlkämpfen nicht adressiert wurde. Ähnlich steht es um die Deutung der ostdeutschen Situation. Schwächen auf anderen Themengebieten sind irrelevant, wenn Rassismus und ein Ost-West-Bias ohnehin ausschlaggebenden für die individuelle Wahlentscheidung sind. Den Menschen ist daneben bereits bekannt, dass die AfD nur ein geringes Themenspektrum abdeckt. Ihren Wähler_innen ist das nicht wichtig. Ihre Sympathie zur AfD basiert nicht auf sachlicher Abwägung der Argumente unterschiedlicher Themenspektren.

... AfD-Kadern rutschen immer wieder rassistische oder rechtsradikale Äußerungen raus. Solche Äußerungen könnten wir doch nur dann als rechtsradikal markieren, wenn wir die AfD auch zum Gespräch einladen?

Wie sich – nicht nur – seit den letzten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg zeigt, greift die AfD ununterbrochen Projekte und Akteure an, die sich in irgendeiner Weise gegen Rechtsradikalismus und Rassismus engagieren. Das gehört zu ihrer Strategie. Allein hiermit demaskiert sich die AfD doch selbst: Wer den Kampf gegen den Rassismus bekämpft, fühlt sich wohl aus guten Gründen selbst angesprochen. Erkenntnisse über Kalbitz oder Höcke, die deren Verwurzelung in der radikal rechten Szene aufzeigen, haben an den Umfragewerten der Partei nichts geändert. Sie wird vielleicht nicht wegen, sondern trotz Vertretern wie Höcke oder Kalbitz gewählt. Dennoch erwarten sich die Wähler_innen wohl kaum eine mäßigende Wende im Parteiprogramm. Daneben finden sie die ideologischen Wurzeln der AfD wohl schlichtweg akzeptabel. Es ist also nicht mehr notwendig und offenkundig wirkungslos, die AfD zu demaskieren.

... wenn wir zu unseren Veranstaltungen gute Pressearbeit machen, könnten wir doch damit dafür sorgen, dass die inhaltliche Ratlosigkeit der AfD in die Öffentlichkeit kommt? Würde so etwas nicht die Partei schwächen?
Inhaltliche oder moralische Verfehlungen von AfDler_innen sind schon oft in die Öffentlichkeit gelangt, inklusive skandalösem Gesprächsverhalten. Geschadet hat das der Partei nicht. Die AfD erlangt ihre Reichweite vor Allem über Social Media Kanäle, über die sie selbst die Deutungshoheit hat: Hier kann sie Situationen, die wir als lächerlich oder unhaltbar lesen, in ihre eigene Erzählung einbetten, uns als undemokratisch, tendenziös und feindlich gesinnt abstempeln und sich selbst als Tabubrecherin und Opfer der “links-grünen Verschwörung” inszenieren. Das hilft uns leider auch nicht weiter und es ist sehr schwer, neu-rechte Gesprächsstrategien nicht nur punktuell zu durchbrechen. Wir verschwenden unsere Kräfte, beim Versuch, der AfD die Opferrolle zu nehmen. Die wahren Opfer in diesem Konflikt sind wir, Muslime, Geflüchtete, LGBTIQ, Antifaschist_innen, Juden und Jüdinnen* und Frauen – was interessiert uns angesichts dessen das selbst inszenierte Opferdasein der AfD? Daneben hat das „Entlarfen“ der Normalisierung rassistischen und exkludierendem Gedankenguts kaum Einhalt geboten.
... ist es nicht so, dass wir gerade dann die Stärke und Mut der Zivilgesellschaft zeigen, wenn wir uns Auseinandersetzungen mit Kadern gezielt stellen?
Nein. In erster Linie zeigen wir mit unserer Gesprächsbereitschaft Akzeptanz für Vertreter_innen rechtsextremer Positionen in unseren Räumen – daben würden wir auch siganlisieren, dass wir Prämissen, mit denen AfDler*innen in bestimmte Themenfelder gehen, als überhaupt diskutabel bewerten. Wir geben der AfD dann die Chance, sich insbesondere den konservativen Kräften gegenüber als salonfähig und koalitionsfähig zu präsentieren. Sobald die AfD in öffentlichen Diskussionen „verliert“ und die Macht über den Gesprächsverlauf aus der Hand geben muss, inszeniert sie sich ohnehin als Opfer. Unser kurzfristiger Erfolg wird so eingebettet in die rechte Propagandastrategie. In Gesprächen über Themen wie Verkehr, Bildungspolitik oder Klimaschutz hat die AfD ohnehin kein Interesse an einer sachlichen Auseinandersetzung – ihr ist daran gelegen, Diskussionen zu zerstören und für sich selbst zu nutzen. Mutig ist, wenn wir diese Strategien klar benennen und deutliche Grenzen setzen.
... müssen wir uns nicht neutral verhalten? Vielleicht geben wir der AfD ja erst recht Anlass, uns anzugreifen und dann müssen wir uns Sorgen um unsere Fördermittel machen?
Die Politik der AfD basiert auf Grundannahmen, die uns jede gemeinsame Diskussionsgrundlage rauben: Einteilung der Menschen nach Kulturen, Religionen, Geschlechtern als überlegen beziehungsweise unterlegen, Volk statt Gesellschaft; nationale Interessen statt internationaler Solidarität; erfundene Zahlen statt echter Statistiken und so weiter. Das alles sind Grundlagen, auf denen wir nicht diskutieren können. Die Ablehnung einer anderen Ansicht ohne weitere Diskussionsbereitschaft ist auch eine Form von Meinungsfreiheit, auf die wir uns berufen können. Meinungsfreiheit verpflichtet niemanden dazu, sich auf eine aussichtslose Debatte einzulassen, geschweige denn antidemokratischer Hetze – versteckt oder offen – eine Bühne zu bieten.
Die AfD benötigt darüber hinaus keinen konkreten Anlass, um gegen emanzipatorische Jugend- oder Bildungsarbeit vorzugehen, das gehört ohnehin zu ihrer politischen Agenda. Hierauf müssen wir uns einstellen.
... verlieren wir denn dann nicht diejenigen, die Sympathie für die Partei hegen?
Menschen mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild können wir ohnehin nicht überzeugen. Diejenigen, die unentschlossen sind, sind auch Empfänger_innen der Wahlwerbung und der rechten Propaganda der AfD und ihrer Unterstützer. Dagegen kommen wir nicht an, auch wenn wir auf unseren Veranstaltungen zeigen könnten, dass ein_e AfD_lerin keine guten Ideen hat oder rassistisch ist. Aber wir können hoffen, dass unentschlossene Wähler*innen ihre Position überdenken, wenn wir deutlich machen, was wir von der AfD halten und dass deren Haltung unerwünscht ist.